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Michael Frietsch

† verstorben am 12.03.2015

Beiträge: 276

Wohnort: D-77815 Bühl, Mittelbaden

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Sonntag, 3. August 2014, 14:03

Deutsch-französische Versöhnung

Die gemeinsamen deutsch-französischen Gedenkfeiern zum Beginn des Ersten Weltkrieges am Hartmannsweiler Kopf sollten die deutsch-französische Aussöhnung einmal mehr dokumentieren und vertiefen; das ist grundsätzlich zu befürworten, ändert aber nichts daran, dass diese Versöhnung nur zustand kommen konnte, weil Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg darauf verzichtete, von Frankreich zu verlangen, dass die politische Grenze zwischen beiden Völkern nach der Sprachgrenze gezogen wurde.

Im Mittelalter und bis in die frühe Neuzeit hinein lag die deutsch-französische Grenze ungefähr an der Maas, also weit westlich der deutsch-französischen Sprachgrenze, die sich seit dem Ende der Völkerwanderung nicht mehr wesentlich verändert hatte. Im 16. Jahrhundert begannen die französischen Könige unter dem Stichwort der so genannten „Réunionspolitik“ damit, die politische Grenze Frankreichs weit nach Osten zu verschieben. Bereits nach dem Dreißigjährigen Krieg drangen sie ins Elsass vor und überschritten damit erstmals die deutsch-französische Sprachgrenze. Bis zur Zeit Napoleons erreichte die französische Ausdehnung auf der ganzen Linie den Rhein und überschritt ihn sogar teilweise.

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Durch den Wiener Kongress von 1815 wurde die französische Ostgrenze in weiten Teilen so gezogen wie sie noch heute liegt, also ohne Rücksicht auf den Verlauf der Sprachgrenzen. Natürlich hatte man damals und bis tief ins 20. Jahrhundert hinein noch keinen Sinn dafür, dass Staatsgrenzen nach Sprachgrenzen gezogen werden sollten; vielmehr galt das noch heute vorherrschende, hauptsächlich auf die französischen Könige der frühen Neuzeit zurück gehende Staatsverständnis, dass die Grenzen zwischen den Staaten allein nach dem Ergebnis von Kriegen, nach rein machtpolitischen Interessen und ohne Rücksicht auf die Sprachgrenzen zu ziehen seien.
Erst nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 kamen das Elsass und Teile Lothringens zum neu entstandenen Deutschen Reich. Die Grenze wurde auf dem Vogesenkamm ungefähr übereinstimmend mit der Sprachgrenze gezogen, wandte sich etwa in der geografischen Höhe Straßburgs nach Nordwesten und zog westlich von Metz vorbei bis nach Luxemburg; hier verließ sie die Sprachgrenze und vereinnahmte aus militärstrategischen Gründen einen französisch-sprachigen Landstreifen - allerdings wurden der französisch-sprachigen Bevölkerung dieses Grenzstreifens schon damals Autonomie- und Reservatrechte eingeräumt, etwas, das Frankreich auch heute, nahezu 150 Jahre später gegenüber seinen eigenen Minderheiten noch immer nicht geschafft hat und nach wie vor hartnäckig verweigert.
Nach dem Ersten Weltkrieg zog der Versailler Vertrag 1919 die deutschen Grenzen im Osten unter ungefährer Bezugnahme auf die dortigen Sprachgrenzen, aber nicht im Westen, wo sich Frankreich Elsass-Lothringen wieder einverleibte und damit die Sprachgrenze wieder deutlich überschritt. Die erneute kurzzeitige deutsche Herrschaft im Zweiten Weltkrieg von 1940 - 1944 änderte nichts an den französischen Bestrebungen, die deutsche Sprache östlich der elsässischen und lothringischen Sprachgrenze weitgehend auszumerzen, was ihr durch ihre Diskriminierungs- und Assimilierungspolitik besonders in den Fünfziger und Sechziger Jahren auch großenteils gelang. Hätte die deutsche Seite sich damals entschlossen dafür eingesetzt, dass Frankreich die Rechte der deutschsprachigen und der zahlreichen anderen nicht französisch-sprachigen Minderheiten auf ihrem Staatsgebiet respektierte, wäre es sicher nicht zur deutsch-französischen Versöhnung und Freundschaft gekommen. Selbstverständlich muss man dazusagen, dass die deutsche Seite durch ihre unnachsichtige Politik in der Zeit von 1871 - 1918 und erst recht in der Zeit von 1940 - 1944 auch dazu beitrug, dass Elsässer und deutschsprachige Lothringer im politischen und moralischen Nachkriegsklima ihre Rechte nicht selbst geltend machten wie z.B. in Belgien die Flamen und die deutschsprachige Minderheit in Ost-Belgien oder die deutschsprachigen Südtiroler gegenüber Italien. Das rechtfertigt aber nicht die bis heute fortdauernde französische Sprach- und Assimilierungspoltik. Frankreich ist das einzige Land der EU, wenn nicht gar im darüber hinaus gehenden ganzen Europa, das die mittlerweile seit Jahrzehnten gelten Abkommen des Europarats zum Schutz von Minderheiten und Regionalsprachen noch nicht anerkennt, geschweige denn umsetzt.

Aus diesen Gründen haben wir bis heute eine deutsch-französische Versöhnung mit Abstrichen - eine vollwertige Versöhnung würde voraussetzen, dass die französische Seite für Elsässer und Moselfranken mindestens die selben Minderheiten- und Autonomieregelungen akzeptiert und verwirklicht wie sie für die Deutschsprachige Gemeinschaft in Ost-Belgien und für die deutschsprachigen Südtiroler in Italien erreicht wurden. Dazu müsste freilich die deutsche Seite auch mal den Mut aufbringen und das Rückgrat haben, dies von der französischen Seite zu verlangen; das ist deshalb auch die grundlegende Forderung an die deutsche Außenpolitik.

Michael Frietsch

† verstorben am 12.03.2015

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Montag, 4. August 2014, 21:47

RE: RE: Deutsch-französische Versöhnung

Dazu müsste freilich die deutsche Seite auch mal den Mut aufbringen und das Rückgrat haben, dies von der französischen Seite zu verlangen; das ist deshalb auch die grundlegende Forderung an die deutsche Außenpolitik.

Da sehe ich etwas anders.
Erst wenn die Elsässer und Lothringer sich selber zur deutschen Sprache bekennen und sich breit aufgestellt organisieren würden, wäre eventl. eine politische Intervention möglich.
So haben es die Südtiroler und in milderer Form die Belgier deutscher Sprache gemacht.
Bei den deutschsprachigen "Franzosen" scheint das jedoch nicht der Fall zu sein.

Da hast Du auf den ersten Blick wohl Recht; es geht aber darum, dass die wenigen Bestrebungen, die es seitens der Elsässer und Niederlothringer gibt, nicht ständig und hartnäckig von der französischen Zentralverwaltung unterdrückt werden, und da wäre es sehr hilfreich, wenn Frankreich endlich dazu gebracht werden könnte, als ersten und grundlegenden Schritt wenigstens die Minderheiten- und Regionalsprachen-Schutzabkommen des Europarats anzunehmen und umzusetzen - und da wäre eben einer der wenigen Ansatzpunkte für die deutsche Außenpolitik, ohne dass ihr gleich wieder revanchistische Absichten unterstellt werden würden. Wenn sie sich nämlich auf diese Abkommen, die außer in Frankreich in ganz Europa gelten, berufen würde, könnte niemand etwas dagegen sagen.
Das ist eigentlich genau so, wie wenn wir uns um den Aufbau einer Deutschsprachigen Gemeinschaft bemühen: Wenn wir uns dabei auf den schon vorhandenen Rat für Deutsche Rechtschreibhung stützen, kann auch niemand etwas dagegen sagen - auch deswegen wurde das DSG-Vorhaben ja so aufgebaut. Das alles soll heißen, dass man wenigstens den zugegebenermaßen oft engen Spielraum nutzen sollte - die derzeitige deutsche Außenpolitik bleibt aber weit hinter den Möglichkeiten, die selbst diese engen Spielräume auch in der Sprachen- und Minderheitenfrage gegenüber Frankreich zulassen, zurück. Das müsste nicht sein, denn besonders Frankreich scheut sich ja auch nicht, seine nationalen Interessen in der EU und auch sonst ungeniert zu vertreten.

Ein nächster Schritt könnte dann sein, dass sich Deutschland dafür einsetzt, dass die Minderheiten- und Regionalsprachen-Schutzabkommen auch wirklich für alle Mitgliedsstaaten des Europarats, dessen Gründungsmitglied Frankreich ja ist, gelten, darüber hinaus auch in die Europäische Union übernommen werden - dies vielleicht auch im Rahmen des ebenfalls anzustrebenden Einbaus des Europarats in die EU.

Weitere Schritte könnten sein - das wurde von der deutschen Europa- und Außenpolitik ja immerhin schon ab und zu zur Sprache gebracht, bislang aber ohne Erfolg -, dass die Deutsche Sprache eine gleichberechtigte Stellung in den EU-Institutionen neben Englisch und Französisch erhält, denn immerhin ist Deutsch in der EU die Muttersprache der größten Zahl von Menschen.

Welchen Gesichtspunkt man auch betrachtet; überall ist die deutsche Außenpolitik viel zu zurückhaltend und nutzt nicht einmal die Spielräume, die es gibt und die ein entschlossenes Vertreten deutscher bzw. deutschsprachiger Interessen ermöglichen würden, ohne dass Deutschland dabei ein Vorwurf im Hinblick auf seine geschichtliche Rolle im 20. Jahrhundert gemacht werden könnte.
Was in diesem Sinn und Zusammenhang die Elsässer und Niederlothringer angeht: Seit Jahrhunderten krankt ihr Verhältnis zu Deutschland daran, dass die deutsche Politik kein wirkliches Interesse für sie zeigt - das war ja auch einer der Gründe dafür, dass Elsässer und Niederlothringer während der Zeit des französischen Vordringens nach Osten, das zeitlich mit der deutschen Zersplitterung und Schwäche zusammenfiel und nur durch sie möglich war, gewissermaßen kein Zentrum und keine Heimat im deutschen Sprachraum mehr hatten und sich deshalb mehr und mehr Frankreich zuwandten, weil es dort einen "Heimat"-Staat und ein Zentrum gab, an dem man sich orientieren konnte. Blödsinnigerweise wurden sie dann durch die preußisch geprägte "Kolonialpolitik" von 1871 - 1918 und erst recht von 1940 - 1944 noch mehr in den Schoß Frankreichs getrieben. Das dann 1871 entstandene deutsche Zentrum in Berlin war viel zu weit weg, und zwar nicht nur geografisch, sondern eben auch politisch. In diesem Sinn halte ich die Verlegung der deutschen Hauptstadt von Bonn nach Berlin in den Neunziger Jahren auch für einen Fehler, und aus dem selben Grund wurde - neben anderen Gründen - das Vorhaben einer Deutschsprachigen Gemeinschaft von Anfang an so aufgebaut, dass eine DSG - wenn überhaupt - eine Hauptstadt bekommt, die einigermaßen zentral im deutschen Sprachraum liegt.